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3.3 Angekommen: Ayse Aygün "Mut weitergeben"

3.3 Angekommen: Ayse Aygün
"Mut weitergeben"

"Ich hatte immer sehr große Angst vor Wasser", sagt Ayse Aygün und lächelt.

Heute leitet sie mehrere Schwimmkurse in Wetzlar, sowohl für Kinder, für Erwachsene und für Frauen mit Migrationserfahrung. Ein Weg, der viel Mut gebraucht hat.

Ayse ist 45 Jahre alt und lebt seit 22 Jahren in Wetzlar. Geboren wurde sie in Çorum, einer Stadt in der Türkei. Nach der Hochzeit zog sie zu ihrem Mann nach Deutschland.

"Am Anfang war es sehr schwer", erzählt sie. Keine Familie, keine Freunde, eine neue Sprache, ein neues Leben.

Ankommen zwischen Familie und Alltag

Die ersten Jahre waren geprägt vom Ankommen. In Niedergirmes fand sie schnell Anschluss, viele Menschen dort hatten ähnliche Wurzeln. Später zogen sie und ihr Mann nochmal um - und Ayse musste noch einmal neu beginnen.

"Ich war viel allein, meine einzige Stütze war mein Mann", sagt sie.

Mit der Geburt ihrer Kinder veränderte sich vieles. Der Alltag bestand aus Haushalt und Kinderbetreuung. "Dann ging die Zeit schnell vorbei." Die Kinder, die Familie, gaben ihr Halt. "Meine Kinder sind das Wichtigste für mich."

In dieser Zeit hat sie vor allem funktioniert, den Alltag organisiert, sich um alles gekümmert. Für sich selbst blieb wenig Raum. Erst nach und nach entstand der Wunsch, wieder etwas Eigenes zu machen. Etwas nur für sich.

Freundschaften entstanden nach und nach. Auch durch Begegnungen im Alltag.

Sie arbeitete mehrere Jahre bei einem älteren Ehepaar in der Pflege.

"Sie waren wie eine Familie für mich", sagt sie. "Sehr liebe Menschen."

Der Moment, der alles verändert

Ayse meldete ihre Kinder zum Schwimmkurs an und war dabei voller Sorge.

"Was mache ich, wenn meinen Kindern im Wasser etwas passiert? Ich könnte ihnen nicht helfen", erinnert sie sich zurück.

Also meldete sie sich auch für einen Schwimmkurs an. Obwohl sie große Angst hatte.

"Es war sehr schwer für mich", sagt sie.
Doch sie blieb dran.

Beim Schwimmkurs begann sie, anderen Frauen im Wasser zu helfen.
Die Trainerin bemerkte das und fragte, ob sie unterstützen möchte.

"Und so ging es los", erzählt Ayse glücklich.

Heute ist sie Rettungsschwimmerin und Übungsleiterin. 2023 hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen. Inzwischen leitet sie mehrere Kurse pro Woche, darunter auch einen speziell für Frauen mit Migrationserfahrung.

"Das ist mir sehr wichtig", sagt sie.

Sich gegenseitig stärken

In ihren Kursen geht es nicht nur um Technik. Es geht um Vertrauen. Um Mut. Und darum, sich etwas zuzutrauen.

Viele Frauen bringen ähnliche Erfahrungen mit wie sie selbst. Viele kommen aus der Türkei. Unsicherheit, Angst, Sprachbarrieren. Ayse versteht das.

"Ich war auch so", sagt sie.

Gerade am Anfang bleiben viele lieber am Beckenrand stehen, beobachten erst einmal. Ayse kennt diese Zurückhaltung. Sie nimmt sich Zeit, spricht ruhig, geht ins Wasser, zeigt die Bewegungen. Schritt für Schritt.

Heute steht sie am Beckenrand und gibt genau das weiter, was ihr selbst geholfen hat: Geduld, Mut und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Für viele Frauen ist der Kurs mehr als ein Sportangebot. Es ist ein Ort, an dem sie sich etwas zutrauen dürfen und merken, dass sie mehr können, als sie gedacht haben.

Zwischen zwei Welten verbunden

Ein Teil ihrer Familie lebt noch in der Türkei: ihre Mutter, Geschwister, Verwandte. Der Kontakt ist eng.

"Wir telefonieren jeden Tag", erzählt sie.

Zuletzt war sie 2025 dort, als ihr Vater gestorben ist. Im Sommer möchte sie wieder hinreisen, um Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen.

"Sie ist jetzt viel allein", sagt Ayse leise.

Am liebsten würde sie ihre Mutter nach Deutschland holen.

"Das wäre schön, ist aber nicht so einfach", sagt sie.

Ihr eigenes Leben spielt sich heute in Wetzlar ab. Aber die Verbindung zur Türkei bleibt ein wichtiger Teil davon. Beides gehört für sie zusammen.

"Ich liebe Wetzlar und mein Leben hier", sagt Ayse.

Mut wächst mit jedem Schritt

Ayse ist heute eine Frau, die ihren Platz gefunden hat. Das war nicht immer so. Früher war sie zurückhaltend, unsicher beim Sprechen.

"Ich hatte Angst, etwas falsch zu sagen", erzählt sie. "Ich dachte, die Leute lachen mich dann aus."

Heute sieht sie das anders.

"Hier leben so viele Menschen aus verschiedenen Ländern. Ich bin also nicht allein. Warum sollte ich mich schämen?"

Sie ist stolz. Auf ihre Kinder.
Aber auch auf ihren Weg.

Und darauf, dass sie etwas geschafft hat, das sie sich früher nicht zugetraut hätte: schwimmen lernen - und später anderen dabei helfen.

Wenn sie heute am Beckenrand steht, strahlt sie eine Ruhe aus, die anderen Mut macht. Kaum vorstellbar, dass sie selbst einmal Angst vor dem Wasser hatte.

Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke: dass sie diesen Weg selbst gegangen ist und heute anderen zeigen kann, dass er möglich ist.