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Kaufunger Persönlichkeiten erzählen...

Peter-Matthias Gaede
Eine kleine Nostalgie aus der Ferne

Als ich 1956, fünfjährig, mit meinen Eltern nach Niederkaufungen kam, hatte ich wie auch in den späteren Jahren nicht das Gefühl, dass zusammenwachsen müsse, was zusammengehört. Für mich war Kaufungen Niederkaufungen. Oberkaufungen war mindestens zwei Kilometer auf einer nach Landstraße aussehenden B 7 getrennt, ein paar Apfelbäume standen wohl noch an ihr, und hatte außer einem Freibad und einem Gefängnis, einer Stiftskirche und einer Lungenheilanstalt nichts, was nicht auch Niederkaufungen meiner Ansicht nach hatte.

Ich wohnte an der Losse, dann "Im Wiesengrund", dann "Am Rosengarten". Also zunächst nahe am Wasser gebaut, am Rande einer Insel, die da noch der später leider verfüllte Mühlengraben mit der Losse formte, in einem Viertel steinerner Brücken und teils schon verfallender Bauernhöfe; mit hoher Dichte an Bäckern, Fleischern, Lebensmittellädchen. Und später an Adressen, die nicht nur nach Naturnähe klangen, sondern naturnahe waren. Hinterm Wiesengrund: tatsächlich nur Wiesen. Und eine Sandgrube. Und auch hinterm Rosengarten: nur Felder und Hecken bis zum Wald der Söhre hinauf. Am Setzebach ging es hinaus aus dem Dorf - und nicht zur Umgehungsstraße. Und die Linde war ein lauschiger Treffpunkt - und nicht Straßenbegleitgrün der B 7. Oder steht sie vielleicht gar nicht mehr? Jedenfalls: Dort, wo demnächst auch noch die Autobahn entlangführen wird, war es früher einmal wunderschön. Wohldosiert abenteuerlich, ein großer Freiraum, gut für eine glückliche Kindheit.

Und dort, wo früher der Schwerlastverkehr mitten durchs Dorf rollte, ist es auch nicht unbedingt soviel reizender geworden. Eher ein bisschen entleert. Natürlich war das früher gefährlich. Andererseits: Selbst direkt an dieser Straße gab es Schule, zwei Gasthöfe, den Kohlehändler, einen Schneider, mindestens zwei Lebensmittelläden. Es war halt die Zeit, in der All-in-Supermärkte und Superparkplätze noch nicht auf Wiesen gebaut wurden und sich die Infrastruktur der Dörfer noch nicht derart ausdünnte, dass manchmal gerade noch eine Bushaltestelle bleibt.

Davon ist Niederkaufungen auch heute noch entfernt, glücklicherweise. Aber vom klassischen Inventar eines Dorfes hat es, wie mir scheint, tatsächlich nur noch sehr wenig behalten: Gassen, durch die kein Auto passte. Unaufgeräumte Ecken. Marode Scheunen. Bröckelnde Mauern. Wilde Rodelpisten. Das Häuschen, dessen gerissene Fensterscheiben von großen Knöpfen gehalten wurden. Den Kinosaal im Hinterhof der Gastwirtschaft. Den Geruch. Den Hausschlachter, der dem Nebenerwerbslandwirt half, das Schwein abzustechen. Den Bahnhofsvorsteher. "Meiers Loch", diese Lehmgrube mitten im Dorf.

Ein Blick via Google Earth auf Niederkaufungen von oben zeigt zugleich, dass sich die gesamte ehemalige Struktur dieses Ortes verändert hat, das Größenverhältnis von Ortskern zur Randbebauung auf den Kopf gestellt hat. Es war der Ortskern, im Wesentlichen nördlich der Leipziger Straße gelegen, der einst die Aura von Niederkaufungen ausgemacht hat: die evangelische Kirche, der Friedhof, die Furt, der Waldsportplatz, die Bauern, der Holzhändler, die meisten Gasthäuser, das Spritzenhaus, der Schuster, der Arzt, die Post, der Hochzeitsfotograf: alle in diesem Kern bis höchstens an die Eisenbahntrasse. Südlich davon: die Häuschen der Sudentendeutschen, die Reihenhäuser anderer Hinzugezogener, eine kleine katholische Kirche, ein Zahnarzt. Heute sieht Niederkaufungen, aus der Luft betrachtet, wie ein riesiges Neubau-Areal mit angeschlossener Rest-Romantik-Nische aus - sozusagen einmal komplett gewendet.

Ist halt der Lauf der Dinge, und Kassel ist schließlich nahe. Und wenn die Papierfabrik-Zone noch ein bisschen ostwärts wächst, dann, eines Tages, wer weiß: Ist ja vielleicht die Lücke zum Forstfeld und nach Lohfelden endgültig geschlossen. Wohin dann spazieren? Nach Windhausen!

Zur Person:
Peter-Matthias Gaede ist in Niederkaufungen zur Grundschule gegangen und hat bis zu seinem Abitur an der Herderschule ausgesprochen gerne in diesem Dorf gelebt, hat hier langjährige Freunde gewonnen.
Seit 1983 lebt Gaede in Hamburg, war dort zunächst Reporter auf vier Kontinenten, dann 20 Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift GEO.
Seit 2017 arbeitet er, inzwischen 69-jährige, als freier Autor für verschiedene Medien und ist ehrenamtlich stellvertretender Vorstandsvorsitzender von UNICEF Deutschland.

Martina Müller
Ein paar persönliche Worte

Für mich bedeutet Kaufungen in erster Linie "Heimat", hier habe ich meine Wurzeln, hier bin ich aufgewachsen. Daher denke ich, wenn ich Kaufungen höre, viel an die Zeit meiner Kindheit und Jugend, die ich mit meinen Freunden zum größten Teil draußen in einer sehr behüteten Umgebung verbringen durfte. Später trafen sich Jung und Alt im Jugendzentrum und wir verbrachten dort unbeschwerte Zeiten gemeinsam bei Billard, Kickern oder mittwochs und freitags bei legendären Discoabenden.

Der Gemeinde Kaufungen wünsche ich zum 50-jährigen Zusammenschlussjubiläum alles Gute und verbleibe in besonderer Verbundenheit mit ganz lieben Grüßen.
Eure Martina

Zur Person:
Martina Müller ist in Kaufungen aufgewachsen.
Sie begann ihre beispiellose Fußball-Karriere in der Damenmannschaft der ehemaligen SG Kaufungen.
Im Laufe ihrer Karriere erlangte sie folgende Titel: Weltmeisterin 2003 und 2007, Europameisterin 2001 und 2009, Olympische Bronzemedaille 2004, Champions- League-Siegerin 2013 und 2014, Deutsche Meisterin 2013 und 2014, DFB-Pokal-Siegerin 2013 und 2015.
Sie wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, unter anderem mit dem Silbernen Lorbeerblatt.
2013 erhielt sie den Titel "Fußballerin des Jahres".
Im Jahr 2009 war sie Mitglied der 13. Bundesversammlung der Bundesrepublik Deutschland, die den neunten Bundespräsidenten, Horst Köhler, wählte.
Von ihrer Heimatgemeinde Kaufungen wurde ihr im Jahr 2016 das Ehrenbürgerrecht, die höchste Auszeichnung, die eine Gemeinde vergeben kann, verliehen.