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Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Von Arnim Roß, Bürgermeister - Die vielen Berichte in diesem Heft zeigen, wie facettenreich das Leben in Kaufungen ist und dass die Kaufunger*innen ihren Ort lieben. Der Gemeindezusammenschluss ist vorbildlich gelungen und die Potenziale, die er eröffnet hat, wurden hervorragend genutzt. Kaufungen ist ein attraktiver Ort mit hoher Lebensqualität, sehr guter Infrastruktur und einem unverwechselbaren Gesicht. Nicht zuletzt zeigt sich dies an den zahlreichen Anfragen nach Bauplätzen und Wohnungen in Kaufungen. Viele Menschen möchten hier leben.

Diese Entwicklung ist nicht von selbst gekommen. Sie ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen zielgerichteten Planung. Nun steht Kaufungen am Beginn des 21. Jahrhunderts und muss sich auf neue Herausforderungen der Zukunft ausrichten. Und diese geht die Gemeinde mit einem integrierten Gemeindeentwicklungskonzept an. Dabei ist es wichtig, die verschiedenen Handlungsfelder der Gemeindeentwicklung miteinander zu integrieren, um widersprüchliche Zielsetzungen oder Entwicklungen zu vermeiden.
Für die verschiedenen Handlungsfelder der Gemeindeentwicklung wurden bzw. werden jeweils eigene Teilentwicklungskonzepte erarbeitet, die in der Summe die Kaufunger Gesamtentwicklungskonzeption ergeben. Für folgende Handlungsfelder sind Entwicklungskonzepte verfasst und beschlossen:
  • Büchereiwesen
  • Zukunftsfähige Kinderbetreuung
  • Lebendige Ortszentren
  • Klimaschutz
  • Siedlungsentwicklung
  • Tourismus
  • DemographischerWandel
  • Kultur
  • Altdorfentwicklung
  • Verkehr mit Rahmenkonzept und Parkraumplan
  • Gewerbeflächen
  • Sport
In Bearbeitung sind derzeit ein Grün- und Ortspflegekonzept, der erste Sozialplan für die Gemeinde Kaufungen, ein Konzept für das bürgerschaftliche Engagement und ein Fuß- und Radwegeplan.

Vieles aus diesen Konzepten ist in den vergangenen Jahren bereits umgesetzt worden. Aber weitere Aufgaben stehen an. Dabei spielen gesellschaftliche und regionale Einflüsse und Entwicklungen eine große Rolle. Kaufungen ist keine Insel, kein Mikrokosmos, der unabhängig vom Rest der Welt existiert, sondern ist eingebettet in vielfältige und teilweise sehr dynamische Prozesse.

Dazu gehört der Klimawandel, der Anstrengungen, auch in der Gemeinde erfordert, um ihn aufzuhalten und sich gleichzeitig an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen. Wir wollen unser Klimaschutzkonzept weiter Schritt für Schritt umsetzen und haben dafür die Stelle des Klimaschutzmanagements neu eingerichtet.
Große Vorhaben wurden in den vergangenen Jahren verwirklicht wie z.B. die Rekommunalisierung der örtlichen Stromnetze und die Gründung eines eigenen Gemeindewerkes, die Förderung der Windenergie mit dem Windpark Stiftswald, an dem sich die Gemeinde ebenso mit Eigentumsanteilen beteiligt hat wie am Windpark Kreuzstein. Allein die Gewinnausschüttungen aus diesen beiden Windparks reichen weitgehend aus, um, verbunden mit einer großzügigen Förderung des Bundes, das Klimaschutzmanagement zu finanzieren.
Auch der Hochwasserschutz soll ausgebaut werden. Das betrifft insbesondere den Bau der beiden geplanten Hochwasserrückhaltebecken entlang der Losse. Das sind große Projekte mit Kosten von circa 13 Millionen Euro pro Becken und einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase. Eine Fertigstellung Mitte der 2020er Jahre ist angestrebt. Zusätzlich wird uns ein in Auftrag gegebener Generalentwässerungsplan die notwendigen Schutzmaßnahmen an den kleineren Fließgewässern und Gräben in der Gemarkung ebenso aufzeigen, wie die Optimierungsmöglichkeiten unseres unterirdischen Abwasser- und Kanalsystems. Dies alles soll sich zu einem Hochwasserschutzkonzept für Kaufungen verbinden.

Ganz besonders wird die A44 im Lossetal die Verkehrssituation und das Leben in der Gemeinde beeinflussen. In den Dialoggesprächen mit dem Hessischen Verkehrsministerium von 2014 bis 2016 konnte die Gemeinde ihre zentralen Forderungen weitgehend durchsetzen: den Erhalt des Trinkwasserbrunnens Kohlenstraße, bestmöglichen Lärmschutz und den Erhalt der B7 als Ortsumgehungsstrecke. Der Erhalt des Autobahnanschlusses Kassel-Ost wurde leider nicht erreicht. Dieser wird weiter nach Osten verlegt Richtung Niederkaufungen. Es kommt nun darauf an, die Pläne zu prüfen, ob die Art und Weise der Umsetzung die Forderungen erfüllt. Der Beginn des Planfeststellungsverfahrens ist seit 2018 zweimal verschoben worden, steht aber bevor. Und auch die Auswirkungen und Belastungen der sich anschließenden Bauphase auf die Verkehrsflüsse in und um Kaufungen werden Themen sein, die der Autobahnbau zukünftig stellt.
Über die Autobahn hinaus ist der Verkehr ein prägendes Element für die Lebensqualität im Ort. Es geht darum, Mobilität nachhaltig zu organisieren und für alle zu bezahlbaren Preisen zu sichern. Die gute Infrastruktur im öffentlichen Personennahverkehr, vor allem durch die Straßenbahn, muss erhalten und ergänzt bzw. verfeinert werden, u. a. durch Maßnahmen zur innerörtlichen Mobilität. Sicherheit und Barrierefreiheit auf den Straßen und Wegen im Ort für alle Verkehrsteilnehmer*innen, insbesondere Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, sind wichtige Themen. Mit dem "Rahmenkonzept 2030 zur Verkehrsentwicklung in der Gemeinde Kaufungen", das ergänzt wird durch das Parkraumkonzept und das gerade in Aufstellung befindliche Fuß- und Radwegekonzept, werden die Grundlagen für ein modernes und klimagerechtes Verkehrssystem für Kaufungen gelegt, das schrittweise verwirklicht werden soll.

Der Regionalplan Nordhessen befindet sich in der Neuaufstellung und ebenso das Siedlungsrahmenkonzept des Zweckverbandes Raum Kassel. Die möglichen Siedlungsentwicklungsflächen der Gemeinde für die nächsten 20 Jahre sollen in diesen beiden übergeordneten regionalen Plänen abgebildet werden. Ohne dies wäre es nicht möglich, sie zu verwirklichen. Die Aufnahme eröffnet bzw. erhält der Gemeinde die Freiheit zu entscheiden, ob neue Wohngebiete entstehen und wann. Kaufungen hat in 2015 sehr vorausschauend das "Siedlungsentwicklungskonzept 2020 plus" beschlossen und für drei der anvisierten Gebiete die Bauleitplanung begonnen. Das Ziel ist die Stabilisierung der Einwohnerzahl bei 12.500 bis 13.000 Einwohner*innen. Das ist bisher gelungen. Neben einer moderaten Ausweisung neuer Baugebiete soll dies vor allem durch Nachverdichtungen und die Förderung des Generationenwechsels im Bestand erreicht werden. Eine aktive, ressourcenschonende Siedlungs- und Wohnungsbaupolitik, die auf Nachhaltigkeit und die Anforderungen an das Wohnen der Zukunft ausgelegt ist, sowie die engagierte Mitarbeit am Regionalplan und dem Siedlungsrahmenkonzept gehören zu den Aufgaben der kommenden Jahre.

Das gilt auch für die Gewerbeflächenentwicklung. Die verkehrliche Lage unseres großen Gewerbegebiets Papierfabrik ist durch die Anbindungen an das überregionale Verkehrsnetz sehr gut. Mit dem Gewerbeflächenentwicklungskonzept hat die Gemeindevertretung den Startschuss gegeben für dessen Erweiterung und auch die Ziele festgelegt. Es wird ein interkommunales, nachhaltiges Gewerbegebiet zwischen den Gemeinden Kaufungen und Lohfelden angestrebt. Die schrittweise Realisierung dieses Gebietes in den kommenden zehn Jahren wird die Entwicklung der Gemeinde und der Region fördern. Es kommt heute darauf an, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch zukünftig existenzsichernde Arbeitsplätze für die Bürger*innen von Kaufungen und der Region entstehen und Einnahmen für die Gemeinde und die Region gesichert werden.

Zu guten Angeboten des Wohnens und Arbeitens gehören auch gute Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Bildung und Kinderbetreuung sind in einem rasanten Wandel.
Es war ein Glück für Kaufungen, dass die Integrierte Gesamtschule durch den Landkreis neu gebaut und nicht geschlossen wurde, dabei ein pädagogisches Konzept auch baulich umgesetzt und so ein zukunftsweisendes Bildungsangebot geschaffen werden konnte. Die Grundschule Oberkaufungen hat sich als Ganztagsschule im Pakt für den Nachmittag etabliert. Um die Potenziale daraus nutzen zu können, ist eine bauliche Erweiterung in den kommenden Jahren vorgesehen, die durch den Landkreis Kassel und die Gemeinde Kaufungen gemeinsam realisiert wird. Für die Grundschule Niederkaufungen hat die Gemeindevertretung beschlossen, ein zentrales großes Innerortsgrundstück zu erwerben und an den Landkreis zu verpachten, der darauf eine neue Grundschule errichten will. Das bietet auch für diesen Ortsteil große Entwicklungschancen. Mit dem neuen Grundstück "Am Haferbach" gegenüber der Haferbachhalle, der Turnhalle und der Gemeindebücherei und in der Nähe der Kita Feldhof wird sich ein neues Zentrum für Bildung und Betreuung von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter herausbilden.
Die Kindertageseinrichtungen der Gemeinde sind auf einem modernen Stand, der Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem ersten Lebensjahr ist seit 2013 umgesetzt und, verbunden mit den Betreuungsangeboten der Grundschulen und der Ferienbetreuung, besteht ein durchgehendes Betreuungssystem für alle Kaufunger Kinder vom ersten bis zehnten Lebensjahr. Mit der neuen Kita Eulennest wurde ein Gebäude errichtet, das für die heutige und die kommende Zeit sehr geeignet ist zur Umsetzung moderner pädagogischer Arbeit. Die konzeptionelle und bauliche Weiterentwicklung und bei Bedarf auch Erweiterung aller sieben Einrichtungen bleibt eine fortdauernde Aufgabe in den kommenden Jahren.

Zukunftsfähigkeit bedeutet auch gesunde Gemeindefinanzen. Die kommunale Haushaltskrise der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts infolge der Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 ist uns noch gut in Erinnerung. Mit gemeinsamen Anstrengungen und aufgrund der guten Konjunktur der letzten Jahre ist die Konsolidierung gelungen und seit 2017 haben wir wieder einen ausgeglichenen Haushalt. Doch die Folgen der Corona-Pandemie werden uns vor neue Herausforderungen stellen, die zu bewältigen sind. Dabei arbeiten wir weiter mit dem Instrument des Bürgerhaushaltes, den wir 2010 zur Erhöhung der Transparenz und der Mitwirkungsmöglichkeiten eingeführt und in den Folgejahren fortentwickelt haben.

Klima, Verkehr, Wohnen, Arbeiten, Bürgerhaushalt, Bildung und Betreuung sind wichtige Faktoren der Zukunftsgestaltung. Um die Attraktivität Kaufungens und die Lebensqualität in der Gemeinde zu erhalten, ist auch das Engagement in vielen anderen Handlungsfeldern erforderlich. Dazu gehören eine gute Infrastruktur für Nahversorgung und Daseinsvorsorge, der Erhalt und die Pflege unserer idyllischen Altdörfer mit ihrem reichhaltigen Fachwerkbestand, lebendige Ortszentren, die Kultur, gute Sportmöglichkeiten, der Tourismus, die Pflege der zahlreichen Grünanlagen in der Gemeinde und im Außenbereich, die Förderung des Ehrenamtes und einiges mehr. Auch hier warten Zukunftsaufgaben auf die Gemeinde. Auf alle hat sich die Gemeinde mit ihrer Gesamtentwicklungsplanung vorbereitet. Die Beteiligung der Bürger*innen bei der kreativen Erarbeitung von Ideen, Vorschlägen, Lösungen und Konzepten und die Zusammenarbeit zwischen Bürger*innenschaft und politischen Gremien hat dabei stets eine große Rolle gespielt und wird auch weiterhin der Ansatz sein.
Kaufungen stellt sich den Herausforderungen der Zukunft zielgerichtet und kann daher darauf vertrauen, dass die Gemeinde für das 21. Jahrhundert gut aufgestellt ist.

Wussten Sie schon...?
Über die Knottenfresser und Bohnenbiedel

Zugereiste und Gäste unseres Ortes werden beim Lesen dieser putzigen Bezeichnungen auf der Brunnenplatte vor dem Rathaus sicher ein wenig stutzen und sich fragen, welche Bedeutung hier wohl dahinter stecke. Die alteingesessenen Kaufunger*innen wissen sehr wohl noch, wer hier gemeint ist - auch nach 50 Jahren Ortszusammenführung gibt es diese speziellen Namen für die Ortsteilbewohner. "Bohnenbiedel" heißt auf Hochdeutsch "Bohnenbeutel" und dies ist der Spitzname für die Niederkaufunger, denn die dortigen Bauern trugen damals ihre Bohnenernte in Beuteln, den "Biedeln", zum Markt nach Kassel. Im Gegensatz zu den meist gut genährten Bauern, waren die Oberkaufunger eher "Knottenfresser". Dieser Spitzname ist abgeleitet von den Samenkapseln des Flaches, der "Knotten", die früher in Oberkaufungen angebaut wurden.
Die Künstler Karin Bohrmann-Roth und Georg Roth hielten diese Überlieferung des alten Kaufungens in humorvoller Form als Skulptur fest, die im September 1989 einen zentralen Platz vor dem Rathaus fand. Eingerahmt wurden der "Bohnenbiedel" und der "Knottenfresser" von zwei Bronze-Jugendlichen. Skateboard und Walkmen symbolisierten dabei die modernen, jungen Bewohner. Zwanzig Jahre und einige technische Neuerungen weiter sind diese Accessoires den heutigen Kaufunger Kindern gegenüber schon wieder erklärungsbedürftig.