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Wir wollen Dorf bleiben

Kaufungen hat sich verändert, aber stets sein historisches Gesicht bewahrt

"Wir wollen Dorf bleiben!" Diesen Beschluss fasste die Gemeindevertretung bereits kurz nach dem Gemeindezusammenschluss in den 1970er Jahren, als ihr vom Hessischen Ministerium des Inneren angetragen wurde, Stadtrechte zu erwerben1. Doch die Kaufunger*innen wollten ihre dörfliche Identität bewahren. Sie wollten sich in "ihrem Dorf" wiederfinden und entfalten. Diese Haltung hat sich bis heute bewährt. Daher wurden in den Jahren seit 1970 große Anstrengungen für die Dorferneuerung unternommen. Zahlreiche Maßnahmen und Projekte spiegeln die intensive kommunale Arbeit der damals "neuen" Großgemeinde Kaufungen um den Erhalt der geschichtsträchtigen Ortskerne von Ober- und Niederkaufungen wider. Ortsbegrünungen, Sandsteinmauern, Pflasterstraßen, Dorfplätze und stilgerechte Fassadengestaltungen sind nur wenige von unzähligen Dorferneuerungsmaßnahmen, die der langen Fachwerktradition in den Kaufunger Altdörfern Rechnung getragen haben. So entstanden in Oberkaufungen zahlreiche Dorfplätze, wie der Bürgerhausvorplatz mit der Skulpturengruppe "Bohnenbiedel und Knottenfresser" (1987), an der Dorfstraße/Mühlenstraße eine Sitzgruppe mit Tisch aus einem alten Mühlstein (1985) oder am Besemmarkt/An der Losse ein Sitzplatz mit Trittsteinen neben der alten Lossefurt (1994). In Niederkaufungen wurde die Gänserammel zwischen den Sandsteingewölbebrücken an der Windhäuser Straße (1991) zum Wahrzeichen des Altdorfes. Als wichtigstes Projekt der Dorferneuerung kann der Um- und Rückbau der Leipziger Straße in beiden Ortsteilen angesehen werden. Nach der Freigabe der Umgehungsstraße B7 im Jahr 1979 verdichteten sich die Wünsche und Gespräche für den Rückbau der ehemaligen B7 durch die Ortsteile Ober- und Niederkaufungen.
So schrieb der ehemalige Bürgermeister Gerhard Iske in "975 Jahre Kaufungen" (1985): "Die fast 14m breite Straße lud nach ihrer Fertigstellung (1964) kaum noch zum Verweilen ein. Sie trennte das Dorf in zwei bebaute Teile." Schließlich führten die Bemühungen der ehemaligen Gemeindeverwaltung und der Gemeindevertretung dazu, dass die Ortsdurchfahrt zunächst in Oberkaufungen (1986) und später dann in Niederkaufungen (1990) mit erheblichen Bundes-, Landes- und Kreiszuschüssen zurückgebaut und an den besonderen Charakter der von Fachwerk geprägten Ortsteile angepasst wurde. "Es war in der damaligen Zeit nicht ganz leicht, diese Überzeugungsarbeit gegenüber den fest gefügten Planungsbildern des überörtlichen Straßenbaus zu leisten und sie aufzuweichen, um die Zerschneidung der Ortsgrundrisse aufzuheben", resümierten Gerhard Iske, Heinrich Klose und Rudolf Passarge später in "1000 Jahre Kaufungen" (2011).

Das alte und das neue Kaufungen sind das Ergebnis jahrelanger Planung mit dem Ziel, die historische Identität und die Natur im Dorf zu erhalten. Von 1970 bis heute wurden 67 Bebauungspläne und zahlreiche Bebauungsplanänderungen rechtskräftig. Dem Gemeindevorstand und der Gemeindevertretung war es dabei immer ein eherner Grundsatz, die Altdörfer und die neuen Baugebiete gleichberechtigt nebeneinander zu fördern und das Wachstum der Gemeinde nicht ausufern zu lassen. Zur baulichen Weiterentwicklung gehörte auch der Ortsteil Papierfabrik mit einem großen Gewerbegebiet. Durch den Ankauf großer Teile der Ländereien des Stiftsgutes im Jahr 1972 wurde eine wichtige Voraussetzung für die bauliche Entwicklungsplanung der Gemeinde Kaufungen geschaffen. Ohne diesen "Jahrhundert-Kauf" von insgesamt 140 Hektar Land für den damaligen Preis von 8 Millionen DM, vorrangig Flächen zwischen Ober- und Niederkaufungen, wären zahlreiche Neubaugebiete, der Freizeitpark Steinertsee und der Bau der Ortsumgehung B7 nicht denkbar gewesen. Auch in den Folgejahren entwickelte sich Kaufungen stetig weiter.

Der Neuaufbau eines kommunalen Museums war eines der größeren Projekte der jungen Gemeinde Kaufungen. Das wachsende Interesse der Bevölkerung an Informationen über die Geschichte und Kultur der eigenen Heimat veranlasste die Gemeinde dazu, den Ausbau der "alten Schule" aus 1842 zu einem Regionalmuseum voranzubringen. Das denkmalgeschützte Objekt wurde ab 1977 zu einem gemeinsamen Geschichtsort aller Kaufunger*innen umgestaltet. Remisen, MitmachHaus und Garten erweiterten später das Museumsensemble in der Schulstraße. Ebenfalls Ende der 1970er Jahre feierten sportbegeisterte Kaufunger*innen die Einweihung des Vereinsheims am Lossetalstadion, das im Jahr 2001 durch den Bau der Straßenbahn auf die andere Stadionseite verlegt und um zusätzliche Räume erweitert wurde. 1995 kam der B-Platz hinzu, 2008 ein Kunstrasenplatz.
Viele Neubau-Projekte wurden in den 1990er Jahren realisiert: Nach einem vorausgegangenen Architektenwettbewerb entstand Mitte der 1990er zwischen Ober- und Niederkaufungen ein moderner Feuerwehrstützpunkt, der einen Neubeginn der Kaufunger Feuerwehrarbeit einläutete. Seit diesem Zeitpunkt rücken die Feuerwehrmänner und -frauen gemeinsam aus dem zentralgelegenen Neubau zu Einsätzen aus, was zeitlich und logistisch effektiver ist. Zu den Neubau-Projekten der 1990er Jahre zählten auch das Dorfgemeinschaftshaus in Papierfabrik (1995), die Kindertagesstätte Kunterbunt (1997), die als fünfte gemeindliche Einrichtung in Kaufungen errichtet wurde sowie der Bau der Begegnungsstätte (1999) in der "neuen Mitte" zwischen Ober- und Niederkaufungen. Die dazugehörigen barrierefreien Wohnungen wurden 2002 und 2003 aufgrund der hohen Nachfrage erweitert. Ein großer Schritt in punkto Infrastrukturerweiterung stellt die Anbindung der Gemeinde Kaufungen an die Straßenbahnlinie 4 dar, die seit 2001 wöchentlich rund 68.500 Passagiere auf der Lossetalstrecke von Kassel nach Hessisch Lichtenau transportiert.
Als sechste gemeindliche Einrichtung wurde 2001 die Kita Sternschnuppe in Papierfabrik gebaut. Fünf Jahre später, im Jahr 2006, erweiterte sich das Angebot im Bereich der Sportstätten für Kaufunger Vereine und für den Schulsport mit dem Bau der Lossetal-Halle durch die Gemeinde Kaufungen. Das Kaufunger Sportangebot wurde seitdem erheblich aufgestockt.

Mit Blick auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit stand von November 2009 bis Juni 2010 die energetische Sanierung des Rathauses auf der Agenda. Zwei Jahre später folgte die Sanierung des Bürgerhaussaales, die pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum des Bürgerhauses Kaufungerwald (übrigens das drittälteste Bürgerhaus Hessens) abgeschlossen war. Überhaupt wurde das Thema Klimaschutz seit Ende der 2000er immer mehr in den Fokus gerückt: Mit Bürgerbeteiligung entstand ein Windenergiepark im Stiftswald, das Gemeindewerk Kaufungen wurde in 2013 gegründet und das Kaufunger Stromnetz rekommunalisiert, zahlreiche kommunale Gebäude wurden energetisch saniert, auf alle in Frage kommenden Dächer der gemeindlichen Gebäude wurden Photovoltaik-Anlagen installiert und über 1.000 Straßenlaternen auf LED-Technik umgerüstet. 2011, zeitgleich zu den 1000-Jahrfeierlichkeiten der Gemeinde Kaufungen, wurde der Schulneubau der IGS Kaufungen eingeweiht. Nachdem man bei dem im Jahr 1970 errichteten Hauptunterrichtsgebäude Schadstoffbelastungen festgestellt hatte, entschieden sich die Schulgremien sowie der Landkreis Kassel als Schulträger dazu, das Hauptgebäude abzureißen und einen neuen Gebäudekomplex mit drei Gebäudeflügeln zu errichten. Nur ein Jahr später wurde der zweite Abschnitt des IGS-Neubaus, ein neues Zentralgebäude mitsamt Gemeinde- und Schulbücherei, seiner Bestimmung übergeben. In Zusammenarbeit zwischen Schule, Landkreis Kassel und Gemeinde Kaufungen entstand an diesem Standort die dritte Teilbücherei für Kaufungen.
2013 wurde der neue Edeka-Markt auf dem ehemaligen Gelände der Firma Riffer eröffnet. Ein Jahr zuvor gab die Gemeindevertretung grünes Licht für den Verkauf des Grundstückes "Bunte Mühle". Die gemeinsame Zubringerstraße "Am Stechkopf", die durch Gemeinde und Edeka-Gesellschaft gebaut wurde, eröffnete weitere städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten rund um den Kreisel. Ende 2015 legte die Gemeinde Kaufungen dann mit zwei Bebauungsplänen den Grundstein für einen baulichen Lückenschluss zwischen den Ortsteilen Ober- und Niederkaufungen. Im engen Dialog mit der Öffentlichkeit, im Gespräch mit Bürger*innen, der Verwaltung und den Gremien wurde die städtebauliche Entwicklung der Flächen "Südlich des Kreisels" und "Alter Festplatz" vorangebracht. "Die Entwicklung des Wohngebietes am Kreisel stellt für Kaufungen einen Meilenstein in der Siedlungsentwicklung dar, denn zum ersten Mal seit 10 Jahren wurde wieder ein öffentliches Wohngebiet erschlossen", resümierte Bürgermeister Arnim Roß.
Ein weiteres Vorzeigeprojekt wurde im Jahr 2016 realisiert: Aus Mitteln des Stadtumbaus wurde der zuvor als privater Parkplatz genutzte Oberkaufunger Brauplatz neu gestaltet und wiederbelebt. Zeitgleich errichtete die Baunataler Diakonie am gleichen Standort ein modernes Gebäude, in dem mittlerweile 19 Menschen mit Behinderung in Wohngruppen leben. Integriert wurde auch ein kleiner Lebensmittelladen. Seit der Wiederherstellung des alten Dorfplatzes hat sich die Aufenthaltsqualität rund um den Brauplatz deutlich verbessert. Neben nachbarschaftlichen Begegnungen werden die Bewohner*innen des "Betreuten Wohnens" in das gemeindliche Alltagsgeschehen integriert und der Platz wird häufig für Feste, Veranstaltungen und Märkte genutzt. Seit 1019 besitzt Kaufungen Marktrechte. Dieses 1000-jährige Jubiläum spielte in 2019 bei dem Frühlings- und dem Herbstmarkt eine wichtige Rolle, die der Verkehrs- und Gewerbeverein Kaufungen alljährlich mit Unterstützung der Gemeinde durchführt. Seit 2020 ist der Brauplatz auch der Ort für die monatlich durchgeführten Feierabendmärkte. Eine neue Initiative des Verkehrs- und Gewerbevereins, die sehr erfolgreich gestartet ist und 2021 fortgesetzt wird. Die Neugestaltung des Brauplatzes wurde in 2017 vom Land Hessen als Best-practise-Beispiel ausgezeichnet.

Mit dem Bau der siebten gemeindeeigenen Kindertagesstätte, "Eulennest", reagierte die Lossetalgemeinde im Jahr 2017 auf die wachsende Nachfrage nach Betreuungsplätzen. Auf dem Alten Festplatz wurde ein moderner Neubau in modularer Holzständerbauweise errichtet, der Platz für derzeit vier Betreuungsgruppen bietet. Ebenfalls im Jahr 2017 wurde ein weiteres wichtiges Projekt in die Bahnen gelenkt: Die Gemeindevertretung gab grünes Licht für die Gestaltung des Festplatzes und die Errichtung eines Multifunktionsgebäudes mit Sanitäranlagen und einem weiteren Raum für die Jugendarbeit inklusive Außenbereich auf dem ehemaligen Gelände der Holzhandlung Riffer. Richtfest konnten die Kaufunger*innen im Juni 2018 bei dem gemeindlichen Neubauvorhaben eines Mehrfamilienhauses für Sozialwohnungsbau im neuen Wohngebiet "Südlich des Kreisels", an der Theodor-Heuss-Straße gelegen, feiern. Die zwölf gemeindeeigenen Wohnungen wurden ein Jahr später fertiggestellt und von jungen Familien, alleinerziehenden Müttern und älteren Menschen verschiedenster Herkunft bezogen. In 2019 entschied die Gemeindevertretung, ein weiteres Haus mit vier Wohnungen vom Deutschen Roten Kreuz zu erwerben, die den gemeindlichen Wohnungsbestand noch einmal vergrößern. In allen Ortsteilen stellt die Gemeinde Kaufungen damit inzwischen 150 Wohnungen zu günstigen Mietpreisen zur Verfügung und verfolgt damit das Ziel, bezahlbaren Wohnraum für Menschen aller Altersgruppen und mit geringem Einkommen vorzuhalten.

Viel hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte getan. Kaufungen hat sich verändert, es hat sich weiterentwickelt, aber stets sein historisches Gesicht bewahrt. Und in all den Jahren sind die Kaufunger*innen ihrem Grundsatz treu geblieben: "Wir wollen Dorf bleiben!"