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Geburtsstunde einer Großgemeinde

1. Dezember 1970 - ein Tag, an dem sich die Landkarte des Kreises Kassel nachhaltig veränderte. 13 Orte schlossen sich im Rahmen der Gebietsreform zu sechs neuen Großgemeinden zusammen. Kaufungen war zu dieser Zeit - die Kreisreform fand erst im Frühjahr 1972 statt - die zweitgrößte Gemeinde im Altkreis Kassel. Über Nacht wurde aus zwei eigenständigen, natürlich gewachsenen Orten eine 11.000 Einwohner*innen zählende Großgemeinde. Fast ein ganzes Jahr wurde dieser freiwillige Zusammenschluss von beiden Gemeindeverwaltungen und -parlamenten akribisch vorbereitet, in Gesprächen und Verhandlungen. Auch die Bürger*innen kamen im Rahmen von Versammlungen zu Wort: Es gab viele Fragen, vor allem über mögliche Nachteile einer Heirat. Dazu erklärte der damalige Landrat Josef "Jupp" Köcher: "Ich weiß überhaupt keine!"* Er sollte recht behalten.
*Aus: Festrede Gerhard Iske (2010). 40 Jahre Kaufungen - Ein Rückblick.

Die Erwägungen der Landesregierung und der kommunalen Gremien für einen Zusammenschluss hatten vorwiegend wirtschaftliche, finanzielle und gesellschaftspolitische Gründe. Das Hauptziel war die Entwicklung einer leistungsstarken Verwaltungseinheit und die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung. Obwohl sich die Gemeindegremien der Gemeinden Ober- und Niederkaufungens den Entschluss nicht leicht gemacht hatten, wurde die Zusammenlegung am 12. September 1970 auf der Grundlage eines "Grenzänderungsvertrages" einstimmig beschlossen. Nicht zuletzt war diese Entscheidung unter dem Gesichtspunkt geprägt, dass die Zukunft der Orte und ihrer Bürger*innen nicht innerhalb der jeweiligen Gemarkungsgrenze liegen sollte, sondern dass wichtige gemeindliche Aufgaben besser durch eine kommunale Gemeinschaftsarbeit zu bewältigen waren. Bei all den Verhandlungen und Gesprächen war die Namensfindung der neuen Großgemeinde die leichteste Entscheidung. Dabei kam der Name "Kaufungen" nicht etwa durch das Weglassen der beiden Bestimmungsworte "Ober- und Nieder" zustande, sondern war vielmehr der Ausdruck einer gemeinsamen geschichtlichen Verbindung ("Coufunga"), die in der neuen Großgemeinde ihre Fortsetzung finden sollte.

Mit einem erinnerungswürdigen Festtag wurde die Eheschließung der "Knottenfresser und Bohnenbiedel" am 1. Dezember 1970 gefeiert. Begleitet von regnerischem Wetter tauschten die Bürgermeister der zuvor eigenständigen Gemeinden, Jean Roß (Oberkaufungen) und Gerhard Iske (Niederkaufungen) am Vormittag symbolträchtig die ersten Ortsschilder aus, die restlichen Schilder übernahmen Kaufunger Schulkinder. Von der Hessischen Landesregierung erhielten alle bisherigen Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung von Ober- und Niederkaufungen eine Urkunde und wurden kommissarisch, bis zur Kommunalwahl im Frühjahr 1971, in ihrem Amt bestätigt. Gerhard Iske, der zum damaligen Zeitpunkt das Amt des kommissarischen Bürgermeisters der neuen Großgemeinde übernahm, schmunzelte rückblickend: "So viele Kommissarinnen und Kommissare gab es danach nie wieder in Kaufungen!" Am 1. Dezember 1970 wurde auch Bürgermeister Jean Roß, der fast zwei Jahrzehnte die Geschicke der eigenständigen Gemeinde Oberkaufungen leitete, in den Ruhestand verabschiedet. Zu seinen Verdiensten gehörten der Bau des Bürgerhauses sowie die Planungen rund um den Neubau der Ernst-Abbe-Schule und der Gesamtschule.

Höhepunkt des Festtages am 1. Dezember 1970 war ein Festakt mit 400 Gästen im Bürgerhaussaal. Weit mehr als 800 Bürger*innen verfolgten in den Wandelgängen und Nebenräumen des Bürgerhauses das Geschehen im Saal über Übertragungsanlagen, die extra für diesen Abend angebracht wurden. Nach der offiziellen Urkundenübergabe durch die Hessische Landesregierung an den kommissarischen Bürgermeister Iske unterhielten die drei Globetrotter und Karnevalsternchen Margit Sponheimer die Gäste unter tosendem Beifall. Viele Kaufunger*innen erinnern sich noch daran, dass getanzt wurde bis in die frühen Morgenstunden. Aber nicht nur im Bürgerhaus wurde gefeiert - in allen Ortsteilen wurden an diesem Tag Bratwurststände und Getränkewagen aufgestellt und der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Oberkaufungen spielte an verschiedenen Stationen Platzkonzerte. "14.000 Bratwürste wurden verkauft, obwohl wir nur 11.000 Einwohner waren", erinnert sich Ehrenbürgermeister Gerhard Iske humorvoll.

Der Zusammenschluss wurde zünftig begangen, schnell kamen sich die "neuen Kaufungerinnen und Kaufunger" näher. Viele Verbindungslinien, freundschaftliche und familiäre, existierten schon vor dem Zusammenschluss zwischen den Ober- und Niederkaufungern. Die traditionelle Verhaftung innerhalb der Ortsteile blieb, glücklicherweise, immer bestehen, und die Dörfer wuchsen nach und nach, baulich und gesellschaftlich, zusammen. So war unter anderem die Planung und der Bau einer gemeinsamen "Mittelpunktschule", der Gesamtschule, deren Grundsteinlegung bereits 1968 erfolgt war, ein vereinender Faktor zwischen den Orten. Die Jugend traf sich in der "Mitte". Und auch das erste Heimatfest im Juni 1973 führte dazu, dass nicht nur die Einwohner*innen, sondern auch die Vereine und Verbände immer näher zusammenrückten.

Den Zusammenschluss mit Leben zu füllen, war wohl die größte Aufgabe der neuen Großgemeinde Kaufungen. Zukunftsweisend war die Entscheidung der Gemeindegremien, nach einem bundesweiten Architektenwettbewerb für ein neues Ortszentrum zwischen Ober- und Niederkaufungen, in dem unter anderem auch ein neues Rathaus entstehen sollte, auf genau diese Maßnahme zu verzichten, um die alten Ortskerne nicht zu schwächen. Zeitgleich wurde der Beschluss gefasst, die alten Ortsteile und die neuen Baugebiete stets gleichberechtigt nebeneinander zu behandeln und keinen Ortsteil zu bevorzugen. Dieser Grundsatz hat bis heute Bestand.

In der Verwaltung musste nach 1970 vieles zusammengeführt werden. In dem Auseinandersetzungsvertrag wurde geregelt, dass die Gemeindeverwaltung in beiden großen Ortsteilen untergebracht werden sollte, um die Bürger*innen nicht einseitig zu benachteiligen. Da aber das Bürgerhaus mit neuen Verwaltungsräumen erst in 1963 eingeweiht worden war, wurde zusätzlich festgelegt, den Sitz der Hauptverwaltung zunächst in Oberkaufungen für eine Übergangszeit von 20 Jahren zu platzieren. Damit wurde auch zusätzlich der Entschluss beeinflusst, dass kein neues Rathaus in der Ortsmitte entstehen sollte.

Rückblickend resümierte Ehrenbürgermeister Gerhard Iske in seiner Ansprache zum 40. Jahrestages des Zusammenschlusses am 1.12.2010: "Die Bilanz hat die Erwartungen übertroffen." Kaufungen sei mehr als nur eine Addition von Ortsteilen. Nicht der Boom war gewollt, sondern eine verhaltene überschaubare, langfristig angelegte Gemeindeentwicklung, die Bestand haben sollte. So hat Kaufungen auch als größer gewordene Gemeinde ihr individuelles Gesicht bis heute bewahrt.