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Seebrücke

Vom Seesteg zur Landungsbrücke

Seit der Jahrhundertwende üben die Seebrücken einen ganz besonderen Reiz auf die Menschen aus. Lange Zeit hindurch prägten diese "Zeigefinger ins Meer" das Panorama der Ostsee-Bäder und entwickelten sich zu einer Art Statussymbol. Wenn wir im Geschichtsbuch des Ortes Ahlbeck die Seite 1898 aufschlagen, finden wir dort neben anderen Höhepunkten auch die Einweihung der Landungsbrücke. Der bereits vorhandene Seesteg mit Aussichtsplattform wurde unter Leitung des Amtsvorstehers Major a.D. Dreher mit Musikpavillon, Restaurantbetrieb und kurzem Anlegesteg, der Zeit entsprechend, zur Landungsbrücke ausgebaut.

Die feierliche Einweihung wurde am Pfingstsonntag, dem 29. Mai 1898, von Herrn Dreher vorgenommen. Damit hat dieser Mann sozusagen auch die Geburtsurkunde für dieses Bauwerk ausgestellt. Die musikalische Umrahmung dieses feierlichen Aktes gestaltete der Musikdirigent Dinse aus Swinemünde. Der erste Pächter des Restaurants auf der Landungsbrücke war Herr Franz Murawski. Frühstückstisch und reichhaltige Abendkarte gab es zu kleinen Preisen. Belegte Brötchen a là Aschinger.
Schon 1903 wurde eine Motorbootgesellschaft, der zunächst 12 Fischer angehörten, in Ahlbeck gegründet.
Diese Motorboote erledigten die Zubringerfahrten von der Landungsbrücke zu den Rügen- und Stettindampfern in Heringsdorf und Swinemünde. Damit wurde die Landungsbrücke auch ein Ort der An- und Abreise und somit sehr schnell der Mittelpunkt des Badelebens.

Ein neues Kapitel in der Geschichte der Brücke wurde aufgeschlagen, als im Inflationsjahr 1923 der Ahlbecker Seefahrer Otto Hein die Bewirtschaftung des Restaurants übernahm. Durch den persönlichen Einsatz und die kluge Führung dieses Mannes wurde die Seebrücke Ahlbeck seit 1924 das größte Kabarett und Varieté von allen deutschen Seebädern. Obwohl das Restaurant nur mit einem Zeltdach gegen Witterungsunbilden geschützt war, haben hier trotzdem viele Künstler aus dem In- und Ausland ihre Visitenkarte abgegeben. Der bekannteste war der berühmte Wolga-Tenor Seröscha Schukowsky. Er beherrschte alle Zweige der vokalen Kunst, von der italienischen Oper, Wolgaliedern zu deutschen Strauß-Walzern bis zu den neuesten Tonfilm-Schlagern.
Über 20 Jahre hat Otto Hein dafür gewirkt, daß die Seebrücke zum Symbol des Ortes wurde, wo auch die Gemeindeverwaltung und die örtlichen Vereine ihre Feierlichkeiten durchführten.

Die größte Gefahr für die Holzkonstruktion dieses Bauwerks ging immer von den Naturgewalten aus. So wurde der 1907 verlängerte Seesteg bei einem schweren Sturmhochwasser 1913 stark beschädigt.
Im sehr strengen Winter 1941/42 wurde der Steg dann ein Opfer der Eismassen.
Das Kriegsende und die Nachkriegszeit bewirkten einen starken Verfall des Restaurants. Ahlbecker Handwerksbetriebe waren es dann, die die Instandsetzung vornahmen. Dach, Fenster, Türen, Inneneinrichtung und Fußboden mußten erneuert werden. Pünktlich zu den Feierlichkeiten "100 Jahre Seebad Ahlbeck" im Sommer 1952 konnte das Restaurant dann, nun als HO Tanzgaststätte Seebrücke mit Iltis-Bar, wieder eröffnet werden. Bekannte Kapellen wie Erich Herse oder Rene Dubjanski spielten hier zum Tanz, dazu kamen die wöchentlichen Sängerwettstreite. So wurde die Seebrücke sehr schnell wieder zum Zentrum des gesamten Urlauberbetriebes, aber auch beliebte Vergnügungsstätte der Ahlbecker.
In den Jahren 1971/72 erfolgte die dringend notwendig gewordene Erneuerung der Unterkonstruktion, d.h. der hölzerne Unterbau wurde durch Stahl und Beton, nun Sturm und Eis trotzend, ersetzt. In der Zeit von 1984 - 1986 wurde dann die gesamte Holzkonstruktion des Oberbaus erneuert, wobei auch Verbesserungen in Küche und Restaurant vorgenommen wurden.
Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes und die Tatkraft der Gemeindeväter machte es möglich, daß am 10. Dezember 1992 der erste Rammschlag zum Wiederaufbau des Seesiegs erfolgen konnte. Die feierliche Einweihung der nun 280 Meter langen Promeniermeile erfolgte dann am 10. Juli 1993 mit einem großen Sommerfest.
Als zukunftsträchtige Visite kann auch der Besuch des Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf der Ahlbecker Seebrücke am 18. Juni 1991 eingestuft werden. Ganz im Sinne dieses Besuches hat mit der Aufnahme des Schiffverkehrs in die polnische Hafenstadt Swinemünde die Seebrücke nun auch einen völkerverbindenden Charakter bekommen.
100 Jahre Seebrücke Ahlbeck - wie stolz das klingt.
Sie war nie die Längste, auch nie die Schönste. Aber sie ist das einzig erhaltene Bauwerk dieser Art an der deutschen Ostseeküste aus dem vergangenen Jahrhundert. Möge diese schon betagte, aber noch sehr rüstige "alte Dame" auch im neuen Jahrtausend Sturm und Eis trotzen und noch viele Jahre das Wahrzeichen unseres Ortes bleiben.

Historischer Verein
Seebad Ahlbeck, Insel Usedom e.V.

Werner John
Vorsitzender