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Geschichte der Gemeinde Hiddenhausen

von Franz Liesche

Die heutige Gemeinde Hiddenhausen ist durch das Gesetz zur Neugliederung des Kreises Herford und der kreisfreien Stadt Herford vom 12.12.1968 aus den früheren Gemeinden Eilshausen, Hiddenhausen, Lippinghausen, Oetinghausen, Schweicheln-Bermbeck und Sundern sowie Teilen von Bustedt und Südlengern gebildet worden. Sie ist 23,87 qkm groß und hat rund 20.000 Einwohner. Die Gemeinde ist also noch sehr jung. Dagegen blicken die in ihr vereinten Ortsteile auf eine jahrhundertealte Vergangenheit zurück. Funde aus der Vorzeit lassen erkennen, dass die Menschen seit der jüngeren Steinzeit das Gebiet der heutigen Großgemeinde in ihren Lebensraum einbezogen hatten. Den bedeutendsten, geschlossenen Fund bilden die 1931 entdeckten 68 Brandschüttungsgräber im Ortsteil Hiddenhausen aus den ersten Jahrhunderten nach der Zeitwende.

Eine kontinuierliche Besiedlung ist aber erst nach dem Ende des Sachsenkrieges (um 800) fassbar. Bis auf Sundern dürften alle Ortsteile, damals kleinere Bauernschaften, schon bestanden haben. Im Laufe des Mittelalters entwickelten sie sich im Rahmen der von der Natur und dem Willen der Grundherrschaft vorgegebenen Möglichkeiten zu Dörfern durchschnittlicher Größe.

In diese Zeit fällt auch die Gründung der ältesten Kirche im Ortsteil Hiddenhausen. Sie war dem heiligen St. Gangolf geweiht, ein Indiz dafür, dass die Gründung im frühen 10. Jahrhundert erfolgte. Das zu dieser Kirche gehörende Kirchspiel umfasste die Dörfer Hiddenhausen, Eilshausen, Oetinghausen, Lippinghausen und später auch Bustedt.

Der bedeutendste Grundherr in der Gemeinde war zu dieser Zeit das älteste Damenstift auf sächsischem Boden, die Reichsabtei Herford. Ihr gehörten nicht nur die meisten Bauernhöfe, sondern auch "der Sundern", ein Waldgebiet von stattlicher Größe, in dem sich später der Sommersitz der Äbtissin befand. Als Schutzherren amtierten zunächst die Edelherren von Köln. Sie verkörperten die staatliche Gewalt. Ihre Nachfolger, die Grafen von Ravensberg, ließen um 1415 durch den Ritter Heinrich Ledebur die Burg Bustedt erbauen. Bereits zwei Jahre später wurde dieser Ritter in der Fehde besiegt. Er musste weichen und erhielt die Wehrburg bei Spenge. Die Burg Bustedt wurde Pfandobjekt und Dienstsitz des jeweiligen Amtmannes von Enger. Um 1556 war die Landeshoheit der Grafen von Ravensberg soweit befestigt, dass alle Ortsteile zur Grafschaft Ravensberg gezählt wurden. 1614 erbten die Kurfürsten von Brandenburg die Grafschaft Ravensberg. Sie ging damit im brandenburgisch-preußischen Staatsverband auf, der später zur Keimzelle des Deutschen Reiches wurde. Von nun an teilten die Hiddenhausener das Schicksal Preußens.

Die Herrscher aus diesem Haus versuchten im 17. und 18. Jahrhundert mit den Mitteln des Merkantilismus den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Sie förderten nicht nur den Anbau des Flachses und seine Verarbeitung zu Garn und Leinen, sondern leiteten darüber hinaus in der Landwirtschaft eine Entwicklung ein, die später für die Ausbildung der kommunalen Grenzen von entscheidender Bedeutung wurde. Auf königlichen Befehl begann man im Jahre 1798 die bisher von allen gemeinsam benutzten Wald- und Heideflächen aufzuteilen. Im Zuge dieser Aufteilung fielen alle jene Waldgebiete, die sich die Abtei zur eigenen Nutzung vorbehalten hatte (Dekanat, Brandhorst, Frauenholz, Nonnental), an die angrenzenden Bauernschaften, "der Sundern" wurde selbständige Gemeinde.

Durch den Landesgewinn wurden kapitalkräftige Neusiedler angelockt. Die alteingesessenen Bauern überließen den Siedlungswilligen als "Erbpächter" oder "Neubauern" jene Flächen, die sie nicht aus eigener Kraft kultivieren konnten oder wollten. 1827 zählte man bereits in Hiddenhausen 75 Erbpächter und Neubauern, davon allein 25 in der Oetinghauser Heide. Allmählich wandelte sich die Landschaft. Der Wald wurde zurückgedrängt, aus geschlossenen Dörfern wurden Streusiedlungen.

Das beginnende 19. Jahrhundert brachte auch eine Reihe von Verwaltungsreformen. Von kurzer Dauer war in napoleonischer Zeit die Zugehörigkeit Hiddenhausen zum Königreich Westfalen (1808 bis 1810) und zu Frankreich (1810 bis 1813). 1843 trat die neue preußische Gemeindeordnung in Kraft. Die fünf Gemeinden des Kirchspiels Hiddenhausen wurden mit elf weiteren Gemeinden des Landkantons Herford, darunter auch Schweicheln-Bermbeck und Sundern, unter dem Namen "Amt Herford-Hiddenhausen" zu einem Verwaltungsbezirk zusammengefasst. Dieses Amt hat bis zum 31.12.1968 bestanden, also 125 Jahre.

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebten die Bewohner Hiddenhausens vorwiegend von der Landwirtschaft; Spinnen und Weben waren Nebenerwerbsquellen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts aber schuf die einsetzende Industrialisierung einen grundlegenden Wandel. Wegbereiter war die Zigarrenindustrie. Um 1860 verlegten Zigarrenfabrikanten aus Enger und Bünde die ersten Filialbetriebe nach Hiddenhausen. Innerhalb weniger Jahrzehnte folgten weitere Betriebe und um 1900 wagten schon die ersten Werkmeister den Sprung zum selbstständigen Unternehmer. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung, zwischen 1920 und 1930, stellten etwa 70 Firmen (einschließlich Filialen) in Hiddenhausen Zigarren her. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte die Zigarrenindustrie bereits ihre Anziehungskraft verloren. Andere Industriezweige lockten mit höheren Löhnen.
1878 entstand die Brauerei Felsenkeller, die heute zur Warsteiner Brauereigruppe gehört und 1894 das Margarinewerk Meyer-Lippinghausen. Schon vor der Gründung des Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg (EMR) im Jahre 1909 versorgte das Margarinewerk nebenbei Lippinghausen und Teile von Oetinghausen, Eilshausen, Schweicheln-Bermbeck und Sundern mit elektrischem Strom. Die meisten männlichen Arbeitskräfte aber zogen die Möbelfabrikanten an, die sich nach der Jahrhundertwende aus einfachen Tischlereien entwickelt hatten.

Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die verkehrsmäßige Erschließung Hiddenhausens. Noch in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt der Bau der Straße Herford-Bünde, ebenso der Bau der Köln-Mindener Eisenbahn im Jahr 1847. Als diese wichtige Ost-West-Verbindung um 1900 durch den Bau der Eisenbahnlinie Herford-Bünde ergänzt wurde, erhielt Schweicheln einen eigenen Bahnhof. Die südlichen Teile Hiddenhausens profitierten vor allem vom Bau der Herforder Kleinbahn, die ebenfalls um 1900 entstand.

Die Bedeutung der verkehrsmäßigen Erschließung spiegelt sich auch im Siedlungsbild wieder. An den wichtigsten Verkehrsachsen verdichtete sich die Siedlung. In zunehmendem Maße fanden Handwerker und Händler ihre Auskommen, besonders in den Ortsteilen Hiddenhausen und Eilshausen. Industrie, Handwerk und Handel lockten ständig Menschen aus der Umgebung an, und so verneunfachte sich die Bevölkerung Hiddenhausens zwischen 1818 und 1978. Eine so hohe Zuwachsrate haben im Kreis nur noch die Städte Herford und Bünde zu verzeichnen.

Mit der ständigen Bevölkerungszunahme begann die Verstädterung der Ortsteile. Eine langanhaltende Trockenperiode im Jahre 1959 führte zur Gründung eines eigenen Wasserwerkes. Parallel zur Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser verlief der Ausbau der Kanalisation.

Straßen von innerörtlicher Bedeutung wurden ausgebaut, erhielten Bürgersteige und Straßenbeleuchtung. Auf dieser Basis konnte die Großgemeinde weiterbauen, als im Jahre 1968 das Amt Herford-Hiddenhausen aufgelöst wurde.

Im Sommer 1974 konnte bereits ein neues Rathaus bezogen und der Verwaltungssitz von Herford nach Hiddenhausen verlegt werden. 1976 wurde ein neues Schulzentrum gebaut, in dem heute die Kinder der Olof-Palme-Gesamtschule Hiddenhausen unterrichtet werden. Die neue Sporthalle wurde 2014 eingeweiht. Im Ortszentrum Lippinghausen befinden sich auch das Haus des Bürgers und das Haus der Jugend.